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Neun Takte in neun Monaten: Getaktete Fließfertigung bei Haas eingeführt

Bei Haas kommt es immer aufs Muggaseggele an.

Bei Haas kommt es immer aufs Muggaseggele an.

Thomas Plocher, unser Produktionsleiter, vor einer aufgeräumten Taktstation.

Thomas Plocher, unser Produktionsleiter, vor einer aufgeräumten Taktstation.

Wie die meisten von Ihnen wissen, sind wir Ende des letzten Jahres in unser neues Gebäude in der Adelbert-Haas-Straße umgezogen. Wir haben im Schleifblog darüber berichtet.

Was die meisten von Ihnen aber vielleicht noch nicht wissen, ist die Tatsache, dass wir parallel zum Großprojekt Umzug die getaktete Fließfertigung in unserer Montage eingeführt haben. Thomas Plocher, unser Produktionsleiter, hat diesen Kraftakt mit seinem Team in gerade mal neun Monaten gestemmt. Grund genug für ein Interview:

Schleifblog: Herr Plocher, nachdem man bei Haas seit Jahrzehnten Schleif­maschi­nen auf dem Weg der klassischen Standplatzmontage hergestellt hat, werden die Multigrind® Schleifmaschinen seit ein paar Wochen in einer getakteten Fließmontage produziert. Wie kam es zu diesem großen Schritt?
Thomas Plocher: Kurz nachdem ich im Frühjahr 2011 Produktionsleiter bei Haas wurde, begannen meine Kollegen und ich mit der Planung für unseren Neubau hier in der Adelbert-Haas-Straße. Als es dann um die konkrete Auslegung der neuen Pro­duk­tion ging, kam relativ schnell die Idee zur Umstellung auf eine getaktete Fließ­montage auf. Wir haben dann mit den Kolleginnen und Kollegen von den Fach­abtei­lungen intensiv recherchiert und natürlich auch Informationsbesuche bei Maschi­nen­bau-Kollegen, die schon erfolgreich „takten“, durchgeführt.

Schleifblog: Und wie ging es dann weiter?
Thomas Plocher: Nachdem im Frühsommer 2011 die Entscheidung für die Takt­mon­tage gefallen war, sind wir in eine intensive Planungsphase mit allen betei­lig­ten Fach­be­reichen, vom Vertrieb über die Konstruktion bis zur Qualitätssicherung, einge­stie­gen. Parallel zum aufreibenden Tagesgeschäft eines mittelständischen Maschi­nen­bauers versteht sich. Das Schöne dabei war, dass bereits in der Anfangsphase von meinen Kolleginnen und Kollegen immer wieder Ideen und Anregungen kamen. Die haben wir alle einzeln geprüft und, wo sinnvoll und machbar, in unsere Planung integriert. Im Herbst 2012 haben wir dann mit Vollmer & Scheffzyk, einem externen Berater, das lehrreiche und spannende TOM-Planspiel hier bei Haas durchgeführt.

Das erste Maschinenbett auf dem Weg zur Taktstation Nr. 1.

Das erste Maschinenbett auf dem Weg zur Taktstation Nr. 1.

Schleifblog: Das müssen Sie uns erklären.
Thomas Plocher: TOM steht für Taktorientierter Maschinenbau. Vereinfacht gesagt, ging es darum, uns allen die Funktionsweise und die Vorteile einer getakteten Fließ­mon­tage so anschaulich wie möglich zu vermitteln. Dieses ziemlich realitätsnahe Plan­spiel hat uns klar gezeigt, worauf es ankommt, damit so ein großes Projekt erfolgreich umgesetzt werden kann. Was wir unbedingt vermeiden wollten, war ein Großprojekt, das nach einer Weile im Sand verläuft; sei es, weil es nicht verstanden wird, oder sei es, weil die Belegschaft nicht wirklich dahinter steht. Ein Mittelständler kann sich so einen Projektflop einfach nicht leisten. Das meine ich jetzt ganz ernsthaft.

Schleifblog: Was verspricht sich Haas von diesem Schritt und was haben die Haas-Kunden davon?
Thomas Plocher: Für uns lag und liegt der Schwerpunkt unserer Überlegungen – und damit die Vorteile der Taktmontage – auf der besseren Planbarkeit mit kürzeren Durchlaufzeiten und einer messbaren Qualitätssteigerung über den gesamten Pro­duktionsprozess hinweg. Unsere Kunden profitieren von einer noch besseren Pro­duktqualität und vor allem von kürzeren Lieferzeiten. Wir werden in der Produktion fokussierter und schneller, und zwar ohne Abstriche in der Qualität machen zu müssen. In Sachen Lieferzeiten, da verrate ich jetzt kein Geheimnis, sind unsere Kunden in der Vergangenheit ja nicht immer verwöhnt worden, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Taktmontage ist Teamarbeit.

Taktmontage ist Teamarbeit.

Schleifblog: Mit dem Umzug in die neue Fertigung Ende 2013 fiel der Startschuss für die Taktmontage bei Haas. Die allererste Recherchephase mal ausgeschlossen: In welchem Zeitraum haben Sie und Ihre Kolle­gin­nen und Kollegen die Einführung Taktmontage geschafft?
Thomas Plocher: Man sagt dem Schwaben im Allgemeinen und dem Schwarzwälder im Besonderen ja eine gewisse Störrigkeit nach, wenn es um die Einführung von neuen Prozessen geht. „Des hemmer scho’ emmer so g’macht“, heißt es dann. (Für die Nichtschwaben: Das haben wir schon immer so gemacht) Ich kann das absolut nicht bestätigen. Wir haben die Taktmontage bei Haas in ziemlich rekordverdächtigen neun Monaten eingeführt. Das schaffen Sie nicht, wenn nicht alle am selben Strang ziehen, und zwar mit voller Kraft. Am 5. Dezember haben wir offiziell das erste Maschi­nen­bett an der Taktstation 1 auf die Schiene gesetzt. Vier Wochen nach unserem Firmen­umzug und mitten in der Jahresendhektik: man kann sich vorstellen, wie es da bei einem mittelständischen Maschinenbauer zugeht. Deshalb an dieser Stelle: ein großes Kompliment und ein noch größeres Dankeschön allen Kolleginnen und Kollegen für ihren Einsatz und dafür, dass sie auch in der größten Hektik den Humor nicht verloren haben.

Schleifblog: Können Sie denn schon ein kleines Zwischenfazit ziehen?
Thomas Plocher: Wer uns Schwaben kennt, der weiß, wir neigen nicht zur Über­trei­bung, beim Lob schon mal gar nicht. „Nix g’schwätzt isch au g’lobt,” heißt es hier bei uns. Wir „takten“ jetzt gut zwei Monaten und sind damit noch klar in der Anlaufphase, die wir mal mit mindestens 3-4 Monaten angesetzt haben. Wir haben insgesamt neun Taktstationen mit einer definierten Qualitätsprüfung nach jedem Takt, und es wäre ja ein Wunder, wenn nach der kurzen Zeit alles schon harmonisch und rund laufen würde. Es knirscht und rumpelt schon noch, mal mehr, mal weniger. Aber wir haben das, ehrlich gesagt, nicht anders erwartet, schließlich mussten wir das Pro­jekt Takt­montage mit sehr eng begrenzten personellen Ressourcen im Bereich der Produktion stemmen. Wenn man es vor diesem Hintergrund sieht, haben wir zum jetzigen Zeitpunkt schon wirklich viel erreicht.

Schleifblog: Sichtbare Auswirkungen?
Thomas Plocher: Die Arbeitsplätze an den einzelnen Taktstationen und die ent­sprech­en­den Arbeitsabläufe sind klar strukturiert, sprich: „aufgeräumter“. Damit wird die Montagesequenz viel weniger störungsanfällig. Dies wird sich, da sind wir über­zeugt, positiv auf die Durchlaufzeiten (Stichwort: Lieferzeit), und die Qualität unserer Schleifmaschinen positiv auswirken. Unser Ziel ist es auch, den Material- und Infor­mationsfluss in der Produktion bei Haas zielgerichteter und für jeden nach­voll­ziehbar zu organisieren. Für unsere Planung und Beschaffungslogistik ist das bei mehr als 2.000 Einzelkomponenten, aus denen unsere Multigrind® Schleifmaschinen be­ste­hen, eine Herausforderung. Jedes Teil muss zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Taktstation für den Monteur greifbar sein. Aber alles in allem würde ich sagen, es läuft nicht schlecht (noch so ein „schwäbisches Kompliment“) und Ende des Jahres ziehen wir mal eine erste richtige Bilanz.

Schleifblog: Letzte Frage: Was war für Sie persönlich die größte Herausforderung beim Projekt „Taktmontage“?
Thomas Plocher: Die größte Herausforderung war und ist es immer noch, die Mit­ar­beiter aus dem „das haben wir schon immer so gemacht“ herauszuholen und für eine völlig andere Arbeitsweise zu begeistern. Und das betrifft natürlich nicht nur die Funk­tio­nen, die ich verantworte, nämlich Materialwirtschaft, Eigenfertigung und Montage, sondern auch alle vorgelagerten Prozesse wie Vertrieb und – vor allem – die Kon­struk­tion. Denn auch dort muss – dem Takt der Montage folgend – ein konstanter Fluss stattfinden.

Schleifblog: Vielen Dank für das Gespräch!

Heike Wember übergibt Thomas Plocher das richtige Werkzeug zur Taktvorgabe.

Heike Wember übergibt Thomas Plocher das richtige Werkzeug zur Taktvorgabe.

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